Die Geschichte von Sabine Schwab wurde gesprochen von E.-A. Schepmann, P. Schumann und F. Poolmann.
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Es war an einem 24. Dezember in einem x-beliebigen Wohnzimmer. Die Familie hatte sich um den Tannenbaum versammelt und alle waren in festlicher Stimmung. Alle? Nein, an einem der unteren Äste des Weihnachtsbaumes herrschte dicke Luft. „Autsch!“ rief Kuller, die goldene Christbaumkugel. „Du hast mich gepiekt.“ „Tschuldigung, war keine Absicht“, gab Stoppel, der Strohstern kleinlaut zurück. Kuller wand sich schmollend von ihm ab.

„Was ist denn mit der los?“ fragte Knitter, der kleine Papierengel, erstaunt, denn er wusste, wie sehr Kuller es eigentlich genoss, im Kerzenschein zu glänzen und sich an Weihnachten dem ganzen Wohnzimmer und der Menschenfamilie zu präsentieren. „ Ich glaube, sie ist beleidigt“, flüsterte Stoppel. „Sie ist die Letzte von den Goldenen. Die anderen sind letztes Jahr vom Tisch gefallen und alle kaputt gegangen. Außerdem ist diese Jahr rot angesagt und deshalb hängt sie jetzt hier auf dem unteren Ast und die roten Kugeln ganz da oben.“

Knitter reckte das Köpfchen, um nach oben zu sehen. Tatsächlich, an den oberen Ästen des Weihnachtsbaumes hingen die neuen roten Kugeln und strahlten und glänzten um die Wette.

„Aber das ist doch völlig egal“, sagte Knitter. „Ich hing schon so ziemlich überall am Baum. Glaub mir, da oben ist es nicht besser als hier unten.“ „Für mich aber schon“, sagte Kuller. „Dort oben hat man den besten Ausblick und wird auch am besten gesehen. Hier unten beachtet mich doch niemand.“ „Hm, du weißt aber schon, “ meldete sich Stoppel zu Wort, „dass es an Weihnachten um etwas anders geht, als um Sehen und Gesehen werden?“ „Ph!“ machte Kuller etwas verächtlich. „Ich hab da schon lange meine ganz spezielle Meinung …!“ Stoppel und Knitter sahen sich verdutzt an. Seit vielen Jahren hing diese kleine Kugel nun jede Weihnacht am Baum, hörte den Engel rufen: „Euch ist heute der Heiland geboren…!“, hörte die Geschichte, die die Mutter immer vorlas und wusste immer noch nicht, worum es eigentlich bei diesem Fest ging?

„Der eigentliche Grund für Weihnachten“, begann Stoppel feierlich, „liegt dort unten.“ Er wies mit einer Zacke nach unten auf die Krippe mit den Holzfiguren. Kuller sah ihn ungläubig an. „Du spinnst ja. Da unten sind die Bettler, die keine Ahnung von der Glamour-Welt hier oben haben. Angesagt ist, wer oben ist und gesehen wird. Deshalb ist der untere Ast ja so eine Katastrophe! Die da unten hausen mit Tieren in einem Bretterverschlag. Das ist Gosse und Schmutz. Da riecht es nach Elend und Schicksal. Da ist die Not zuhause, das Dunkel und alles, was man sich besser vom Leib hält.“

Für eine Weile herrschte betretenes Schweigen auf dem Ast. Stoppel und Knitter konnten nicht glauben, was sie da gehört hatten. „Aber, aber …“ stotterte Stoppel. „Also Kuller“ fiel ihm Knitter streng ins Wort. „Jetzt lass dir von einem alten Baumschmuck mit mehr als 20 Jahren Weihnachtserfahrung mal was sagen: Der wahre Grund für Weihnachten ist, dass ein König geboren wurde. Das Baby liegt dort unten in der Krippe. Und wenn ihr Kugeln da oben nicht immer nur mit Schnattern und Glänzen beschäftigt gewesen wärt und mit „Ich bin aber schöner als du“, dann hättest du die Geschichte gehört, die die Menschen-Mutter jedes Jahr vorliest.“

Kuller wollte etwas erwidern, aber Stoppel machte „Pst, die Geschichte geht los. Höre und lerne!“ Also hielt Kuller den Mund und hörte zu.

Nach der Geschichte sang die Familie „Stille Nacht“ und zum ersten Mal hörte Kuller wirklich auf den Text. „Da geht es ja tatsächlich nur um die da unten und das Kind“ flüsterte sie Stoppel zu. „Ja, genau“ antwortete der. „Aber“ wollte Kuller wissen „warum erniedrigt sich ein König so. Er könnte es doch viel besser haben, wenn er der Sohn des Höchsten ist.“ „Aus Liebe!“ rief Knitter verzückt. „Und weil er den Menschen zeigen wollte, was wirklich zählt.“ „Genau!“ Stimmte Stoppel zu.

Eigentlich geht es gar nicht so sehr um den Glanz und die Schönheit oder das Feiern. Es geht vor allem darum, dass Gott die Menschen so sehr liebt, dass er seinen Sohn auf die Erde schickte. Er wollte sie nicht allein lassen in ihren tausend ungelösten Problemen, den Sorgen und der Angst.

Jesus sollte ihnen den Weg zu Gott zeigen. Vor allem aber wollte er die Sünde auf sich nehmen, damit jeder, der ihm vertraut, ewiges Leben und eine Heimat im Himmel haben kann.

Deshalb wurde er Mensch. Dafür lebte und starb er. Aus Liebe!

„Und glaube mir“ meldete sich Knitter zu Wort, „gegen Gottes Herrlichkeit sind all der Glanz und die Lichter hier armselig und klein.“ „Wirklich?“ fragte Kuller erstaunt. „Ja“ antwortete Knitter wieder.

Jesus kam in die Welt, damit jeder Mensch wissen kann, dass er für Gott einzigartig und unendlich wertvoll ist. Nur mit ihm wird so ein Menschenleben nämlich so richtig komplett.

Verstehe ich nicht“ sagte Kuller. Geduldig erklärte Stoppel weiter: „In Gottes Gegenwart zu kommen ist für einen Menschen ungefähr so, wie für dich, wenn du an Weihnachten aus der dunklen Schachtel genommen und an den wunderschönen Weihnachtsbaum gehängt wirst. Nur noch viel toller.“ „Ja, und so, wie das Kerzenlicht dich zum Glänzen bringt“ ergänzte Knitter, „so spiegelt sich Gottes Liebe durch Jesus in den Menschen wieder, wenn sie ihn in ihr Leben lassen.“ „Aha“ sagte Kuller nachdenklich. „ Und weil Gott ihnen mit dem Kind in der Krippe alles geschenkt hat, was sie brauchen, um zu ihm, ganz nach oben zu kommen, deshalb beschenken sich die Menschen an Weihnachten gegenseitig?“ „Ja, genau. Eigentlich aus lauter Freude“ antwortete Knitter.

Kuller wurde ganz still und sah lächelnd zu, wie die Menschen-Kinder mit großen Augen und voller Freude ihre Geschenke auspackten. Dann betrachtete sie nachdenklich das Kind unten in der Krippe. Und auf einmal hatte sie das Gefühl, als lächle es sie an. „Ich glaube, ich verstehe jetzt. Hier unten sieht man viel besser, was wirklich zählt. So nah an der Krippe ergibt das alles einen Sinn.“

Das Kind ist das wertvollste Geschenk. Es ist der Heiland für alles, was kaputt und verloren ist. Der Retter aus jeder Verzweiflung und Dunkelheit. Es ist die Hoffnung und das Licht im Leben derer, die sich ihm anvertrauen. Es ist Jesus, ein Freund, der alle Tage bei denen ist, die ihm ihr Herz öffnen.

Und so verbrachten Kuller, Stoppel und Knitter einen wunderschönen Weihnachtsabend miteinander.

Sabine Schwab