Die Geschichte von Margot Langner wurde gesprochen von E.-A. Schepmann, P. Schumann und F. Poolmann. © Stiftung Marburger Medien


Begonnen mit der Weihnachtskrippe hatte der Großvater. Er hatte sie auch vollendet. In dem Stall lag das Kind in der Futterkrippe. Maria saß daneben und Josef stand bei ihnen. Engel musizierten in der Höhe, Hirten und Könige beteten das Kind an. Doch damit war der Großvater nicht zufrieden gewesen. Zu jedem Weihnachtsfest schnitzte er eine neue Figur. So folgten Ochs und Esel, Schafe und Ziegen. Auf dem Dach saßen Nachtigall und Lerche und stimmten mit in den Lobgesang ein. Ein graugrüner Frosch lugte neben dem Stall mit blanken schwarzen Augen zum Christkind empor.

Längst hatte der Vater das Amt vom Großvater übernehmen müssen. Es wurde nun von Jahr zu Jahr schwieriger, eine neue Gestalt zu finden. Der Vater hatte Kinder geschnitzt, seine beiden eigenen, dann die Nachbarskinder. Das geschah heimlich, ohne dass sie davon wussten. Sie waren die ganze Zeit darauf gespannt, wer es diesmal sein würde. Welche Überraschung und Freude gab es dann am Weihnachtstag, wenn sie sich erkannten. ‚Hier bin ich!“, rief es. Und: ,,Dort komme ich!“ —,‚Ich trage einen Tannenzweig!“ — „Und ich einen Stern!“ Die Krippe war so groß geworden, dass sie einen halben Tisch einnahm.

Doch in diesem Jahr wollte dem Vater nichts einfallen, so sehr er auch grübelte und überlegte. Was sollte er noch Neues schaffen? Es fehlte niemand, der zur Krippe gehörte. Die Kinder allerdings würden enttäuscht sein, wenn er plötzlich aufhörte. Sie freuten sich bereits auf die neue Gestalt. Gut, sollten sie selbst einen Vorschlag bringen. „Ihr müsst mir helfen“, begann der Vater. ,,Ich weiß nicht, was ich in diesem Jahr für die Krippe schnitzen soll. Vielleicht findet ihr eine Lösung. Schreibt mir euren Wunsch auf! Bis zum zweiten Advent möchte ich ihn haben. Aber keiner darf vom anderen wissen. Auch die Mutter nicht.“

Die Kinder waren begeistert. Für sie schien das durchaus keine Schwierigkeit zu sein. Schon am nächsten Tag überreichte der zwölfjährige Sohn seinen Vorschlag. Der Vater war neugierig. Er schickte den Jungen hinaus, entfaltete hastig das Blatt und las: „Ich wünsche mir, dass du dich schnitzt. Du musst dich mit einer Kamera und mit einer Zeitung oder einem Buch schnitzen, da weiß jeder sofort, dass du es bist, Papa.“ ,‚Hmm“, machte der Vater nur. Sein Sohn sah ihn also mit in der Reihe derer, die zur Krippe gingen. Das wunderte ihn, dass dies von ihm verlangt wurde, denn er stand in keinem rechten Verhältnis zu diesem Kind in der Krippe, obwohl er nicht zu dessen Gegnern gehörte. Durchaus nicht. Nur der Gedanke, dass er mit dazugehören sollte zu den Hirten, Königen und Kindern, erschien ihm abwegig, und er schüttelte den Kopf.

Nun war er gespannt auf den Vorschlag der jüngeren Tochter. Er erhielt ihn wenig später. Sie versicherte ihm dabei: ,,Niemand weiß davon, Vati. Ich habe es mir ganz allein ausgedacht und auch allein aufgemalt.“ Der Vater musste lachen, als er das Kunstwerk betrachtete. Auf dem Blatt, sorgsam mit bunten Farben ausgemalt, sah er einen Mann, wie ihn Sechsjährige zu malen pflegen: ovaler Körper, auf dem eine Kugel als Kopf saß. Ein Dreieck deutete die Nase an und ein Bleistiftpunkt das Auge. Auf dieser Kugel thronte ein runder Hut. Die beiden Röhren unterhalb des Körpers sollten die Hosen darstellen, aus denen zwei unwahrscheinlich lange Schnabelschuhe herausragten. Damit dem Vater kein Zweifel aufkommen konnte, hatte die Tochter mit großen Buchstaben darunter ge­schrieben: Das ist Vati. Der Vater lachte nicht mehr. Er war sogar sehr ernst geworden. Langsam stand er auf und sah in einen Spiegel. Das war er: Anfang vierzig, Germanist, Fotograf und Journalist. Nein, er mochte den Wunsch seiner Kinder nicht erfüllen. Wenn Besuch kam und sie entdeckten ihn in der Reihe der zur Krippe Ziehenden! Wie peinlich das sein konnte! Es ging nur an für Kinder.

Bald holte er die Krippe vom Boden und packte sorgfältig die einzelnen Teile aus. Dies hier hatte sein Vater geschnitzt. Liebevoll strichen seine Hände über die Schafe und Tauben. Der hatte nicht gezögert, sich in die Reihe der Anbetenden zu gesellen. Jenem Hirten hatte er seine Züge verliehen. Zuletzt wickelte der Mann ein Stück Holz aus. Ach, das war Lindenholz, aus dem die neue Figur entstehen sollte. Er nahm das Messer und begann. Span um Span fiel zu Boden. Schon war die Gestalt im groben Umriss zu erkennen. Ein Mann mit einem Buch in der Hand. So schnitzte sich der Vater doch, eigentlich gegen seinen Willen. War es deswegen, weil er seine Kinder nicht enttäuschen wollte, oder darum, weil ihn die Weihnachtsgeschichte nicht losließ und ihn mehr beschäftigte als je zuvor? Er hätte es selbst nicht beantworten können.

So baute er an Heiligabend die Krippe auf. Dann entzündete er die Kerzen am Weihnachtsbaum und rief die Mutter und die Kinder. Bevor sie nach den Geschenken schauten, liefen sie zur Krippe und suchten die neue Gestalt. „Das ist Vati!“, jubelte das Mädchen. „Er steht aber so abseits“, bemerkte der Junge und wollte die Figur näher an die Schar der Kinder heranrücken. „Lass!“, widersprach der Vater. „Sie soll so stehen bleiben, am Rand.“ „Die Hauptsache ist doch, dass sie mit auf die Krippe zugeht“ sagte das kleine Mädchen und ahnte nicht, wie sehr der Vater von ihren Worten betroffen war. Er wollte am Rand stehen, nur von weitem das Kind sehen. Das war bereits viel für ihn. Aber mit auf die Krippe zuschreiten, das konnte nicht von ihm verlangt werden. „Was hast du?“, fragte die Frau. „Du bist so still. Freust du dich nicht?“ „Doch, doch“, versicherte der Mann und zwang sich, nicht mehr an die Figur, die auf die Krippe zuging, zu denken.

In den Weihnachtstagen kam viel Besuch. Alle bewunderten die Krippe. „Reizend“, sagte eine Dame, „die süßen Engel, die Vögel und hier der niedliche Frosch, wirklich entzückend.“ Und nachdem sie die Krippe eingehender gemustert hatte, rief sie aus: „Was ist denn das hier? Das ist ja ganz modern, sicher ein Intellektueller.“ „Das ist Vati“, erklärte das kleine Mädchen stolz. „Wirklich?“, rief die Dame und wandte sich zum Vater. „Welch glücklicher Einfall, dass Sie sich mit in die Märchenfiguren eingereiht haben,“ „Das ist kein Märchen“, entrüstete sich die Kleine. „Das ist Wirklichkeit, nicht wahr, Vati?“ Dabei sah sie den Vater mit hellen Augen an, dass er es nicht über sich gebracht hätte, sein Kind zu enttäuschen, und so nickte er ihm bejahend zu. „Natürlich, mein Kind“, bestätigte nun auch die Dame, „glaube nur daran.“ Und zu den Umstehenden sagte sie: „Freilich, man soll den kindlichen Glauben nicht zerstören. Sie kommen von allein dahinter.“

„Aber warum so bescheiden?“, ließ sich jetzt eine männliche Stimme vernehmen, die anschließend in gutmütiges Lachen fiel. „So ist er immer, unser Helmut, der drängt sich nie vor.“ Dabei fasste der Sprecher die neue Krippenfigur und stellte sie ganz vorn hin, zwischen die Hirten und die Könige. Alle nickten zustimmend. Diesmal widersprach der Vater nicht. Diesmal ließ er es geschehen, dass er mitten unter den Anbetenden stand, nicht weil es ihm zum Anbeten zu Mute war, sondern einfach darum, weil ihm das Gespräch leid wurde. „Nun stehen Sie unter den ganz Frommen“, ließ sich wieder die Dame vernehmen, und viele lachten dazu. Das Lachen klang dem Mann am anderen Tag noch in den Ohren, als er die Figur wegnahm. Er gehörte nicht zu den Anbetenden, nicht einmal zu denen, die am Rand standen und einen Lichtschimmer von dem Glanz des Kindes zu erhaschen suchten. Er öffnete das Fenster und warf die Figur hinaus. Nun würde er Ruhe haben. Es war ohnehin fast gegen seinen Willen, dass er sich geschnitzt hatte.

Die Kinder bemerkten bald, dass die Figur fehlte. „Sie hat doch nicht so recht hineingepasst“, erklärte der Vater, „sie war zu modern.“ „Das war ja gerade das Großartige“, bemerkte der Junge. „Schnitzt du eine neue?“, fragte das Mädchen. „Nein“, antwortete der Vater. Das Mädchen schien das „Nein“ des Vaters nicht zu hören, denn es redete munter weiter. „Weißt du, du musst dich als Knieenden schnitzen und eines deiner Bücher oder deine Kamera in der Hand halten.“ „Warum das?“, fragte der Vater. „Die Hirten und Könige beschenken es doch auch. Wir haben jetzt keine Myrre und kein Gold. Wir müssen das schenken, was wir besitzen. Aber …“, und hier sah es den Vater aufmerksam an, „du denkst vielleicht, sie lachen dich wieder aus.“ „Wann lachten sie mich aus?“ „Gestern, weil du unter den Frommen gestanden hast. Bist du gar nicht fromm, Vati?“ Der Mann schwieg. Er spürte, es nützte nichts, dass er die Figur weggeworfen hatte. Das Kind in der Krippe ließ ihn nicht wieder los. Es fasste immer mehr nach ihm. Es zwang ihn zur Entscheidung. „Bist du nicht fromm?“, wiederholte das Mädchen seine Frage, da der Vater nicht antwortete. „Nein, das bin ich wohl noch nicht“, bekannte er zögernd. „Schade“, sagte das Mädchen und verließ das Zimmer.

„Welche Probleme!‘, sagte der Mann und stützte den Kopf in die Hände. Fromm? Wer war noch fromm? Seine Mutter war es gewesen, auch der Vater. Aber er? Und seine Kinder? Waren sie fromm? Überraschend erkannte er, dass er sich darum nie gekümmert hatte. Kannte er seine Kinder überhaupt? Ihr Innerstes? Da hörte er sie beide im Garten tollen. Wenn sie die Figur nun finden würden? Nein, das durften sie nicht. Er ging hinaus und suchte nach ihr. Er suchte in der Hecke des Rhododendron, in dem Gestrüpp der Himbeersträucher, zwischen den welken Blättern der Winterastern, er fand sie nicht. „Nun gut“, dachte er beruhigt, „dann werden sie die Kinder auch nicht finden.“ Er setzte sich an den Schreibtisch und begann, Papiere und Fotos zu ordnen.

Er mochte eine Stunde gearbeitet haben, als plötzlich der Junge in der Tür stand, aufgeregt, kalkweiß: ‚Schnell, Papa, schnell“, keuchte er, „Helga blutet.“ Der Vater jagte davon und hörte das Mädchen schreien. Er riss die Tür zum Kinderzimmer auf. Helga stand am Tisch, aus der linken Hand quoll Blut, das Kleid und Tischtuch bereits mit großen Flecken gefärbt hatte. „Verbandszeug, Schere!“, befahl der Vater dem Jungen. Rasch legte er einen Notverband an. „Wir müssen sofort zum Arzt“, sagte er, „vermutlich muss die Wunde genäht werden.“ Während der Bruder Helga beim Anziehen half, holte der Vater das Auto aus der Garage.

„Wie hast du denn das fertig gebracht?“, fragte der Arzt, nachdem er den Schnitt an der Hand geklammert hatte. Helga schluchzte und sah den Vater ängstlich an. Dieser besann sich, dass er ein Stück Holz und ein Messer auf dem Tisch hatte liegen sehen, ohne danach zu fragen. „Nun komm schon“, ermunterte der Arzt, „der Vater schimpft nicht!“ „Ich wollte eine Figur schnitzen“, stieß Helga hervor. Der Vater wusste plötzlich alles. „Eine Figur?‘, wiederholte der Arzt. „Das ist ja sehr tüchtig von dir, aber besser, du wartest noch ein paar Jahre damit, dann wirst du bestimmt eine Künstlerin.“

Am Abend saßen die Eltern und der Bruder am Bett der Kleinen. Helga wunderte sich, dass niemand mit ihr schimpfte, obwohl es doch verboten war, mit dem Messer Holz zu schneiden. Sie waren alle sehr lieb zu ihr. Und am nächsten Morgen, als die Wunde schon weniger schmerzte, sah sie die neue Krippenfigur, die den Vater darstellte, wieder mit auf dem Tisch stehen. Sie hatte sich zwischen Großvater und Enkelkinder eingereiht.

„Jetzt ist es richtig“, sagte die Kleine, „da gehörst du hin.“ Der Vater nickte und schwieg. Er würde es ihr viel später sagen, dass er lange Zeit nach der Figur im Garten gesucht hatte, bis er sie zwischen den harten Blättern der Christrosen gefunden hatte, und dass ihn in dieser Nacht das Kind in der Krippe bezwungen hatte. Es wollte ihn nicht unter den Abseitsstehenden wissen, sondern führte ihn in die Reihe der Suchenden, die durch das Schauen belohnt werden.

nach einer Erzählung von Margot Langner